Komplettes Thema anzeigen 28.04.2018, 17:11
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Betreff: Re: Dies, Das, Jenes aus Presse, Funk & TV in der Saison 2018/19 - Liga 2
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11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster "Beim FCM kommt vieles zusammen, was ich mag"
Als Chefredakteur des Magazins "11 Freunde" kämpft Philipp Köster für Fußballkultur. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT spricht der 46-Jährige über die Entwicklung des FCM in den vergangenen drei Jahren und neue Herausforderungen für Verein und Fans.
von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT


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11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster Bildrechte: MDR/Martin Paul/Imago

Philipp Köster steht in Deutschland wie kein Zweiter für Fußballkultur. Er ist Gründer und Chefredakteur des Magazins "11 Freunde". Er sammelt Trikots und Stadionhefte und erinnert sich sogar an Erfahrungen mit DDR-Oberliga-Tröten.

Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT spricht der 46-Jährige über die Entwicklung des 1. FC Magdeburg in den vergangenen drei Jahren und die Herausforderungen, die nach dem Zweitliga-Aufstieg auf den Klub und seine Fans warten.

Herr Köster, waren Sie schonmal in Magdeburg?

Philipp Köster: Ja, ich war zu DDR-Zeiten bei einem Spiel der DDR-Oberliga hier. Was mich damals wahnsinnig beeindruckt hat, waren erstens die maroden Ränge und zweitens, dass die Fans in der DDR-Oberliga damals noch diese wunderbare Angewohnheit hatten, solche Eisenbahntröten mit zum Spiel zu nehmen. Also nicht diese Gasdruckfanfaren, wie man sie im Westen hatte, sondern diese Tröten, die vier, fünf Töne hintereinander gemacht haben. Das hat mich als Fußballfan damals nachhaltig beeindruckt.

Später – das muss vor fünf, sechs Jahren gewesen sein – habe ich mir das alles beim FCM noch einmal angeschaut für eine Geschichte über die Europapokalhelden von 1974. Wir erinnern uns doch alle noch an dieses großartige Spiel vor 5.000 Zuschauern gegen den AC Milan in Rotterdam. Das war ein ganz besonderer Triumph. Auch, weil der FCM neben Celtic Glasgow die einzige Mannschaft hatte, in der alle Spieler aus dem direkten Umfeld der Stadt kamen. Paule Seguin und wen es da noch alles gab. Das war eine der bemerkenswertesten sportlichen Leistungen der 1970er Jahre.

Natürlich gab es noch ein paar andere erfolgreiche Ostmannschaften, zum Beispiel dieses großartige Spiel zwischen Lok Leipzig und Girondins Bordeaux und später auch den BFC Dynamo mit den deutsch-deutschen Duellen. Trotzdem sticht der Erfolg des FCM heraus, weil sie eben einen Titel gewonnen haben.

Das ist eine sportliche Leitung, die funktioniert. Das ist eine Mannschaft, die funktioniert. Und vor allem eine Stadt, die den Verein mit Begeisterung lebt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des FCM in den vergangenen Jahren?

Ich bin ganz beeindruckt, was in Magdeburg passiert ist. Man sagt das so oft, aber hier hat man wirklich einen schlafenden Riesen geweckt. Der FCM war ja lange ein Klub, der nach den großen Jahren in der DDR-Oberliga im Kapitalismus und in dieser Profiwelt nicht so richtig zurechtgekommen ist. Er hatte diese typischen Anpassungsschwierigkeiten von Ostvereinen.

In Magdeburg hat man in den vergangenen Jahren immer so ein bisschen das Gefühl gehabt, dass die Leute dem Braten noch nicht so recht trauen. Die Frage, ob diese Euphorie, dieser Aufschwung wirklich nachhaltig ist, stand im Raum. Jetzt merken alle: Ja, der FCM hat vernünftig gearbeitet. Die ganze Mannschaft zieht mit. Die ganze Stadt zieht mit. Die Magdeburger haben sich den Aufstieg verdient, genauso wie der SC Paderborn. Die waren ja auch so gut wie tot und sind wie Phönix aus der Asche auferstanden. Magdeburg und Paderborn sind die beiden herausragenden Mannschaften dieser Drittliga-Saison.

Sind Sie eigentlich der Gralshüter deutscher Fußballkultur?

(lacht) Das wäre zu dick aufgetragen. Ich glaube, dieser Ruf kommt daher, dass es in letzter Zeit eine Menge Entwicklungen gab, die mir nicht so gepasst haben und gegen die ich auch fleißig gewettert habe. So etwas wie der Videobeweis, wo manche sagen, dass es dadurch mehr Gerechtigkeit im Fußball gibt. Ich habe aber das Gefühl, dass ganz grundlegende Dinge im Fußball dadurch ins Wanken geraten sind. Also zum Beispiel, dass sich die Zuschauer im Stadion darauf verlassen können, dass wenn der Schiedsrichter einmal zur Mitte gepfiffen hat, dass sie dann auch jubeln können. Du merkst ja, dass die Schiedsrichter verunsichert sind, dass sie nur nicht pfeifen, um hinterher keinen Präzedenzfall zu schaffen.

Es liegt gerade im Trend, in den Fußball noch mehr einzugreifen, ihn noch mainstreamiger zu machen. Es ist kein Geheimnis, dass ich kein Anhänger dieser ganzen RB-Kultur bin. Gar nicht mal, weil ich denke, dass RB eine schlimme Marke ist oder es Leipzig nicht verdient hätte. Aber wir haben in Deutschland mit dieser Fußballkultur eine der lebendigsten Alltagskulturen des 20. Jahrhunderts. Mir fällt nichts anderes ein, das so viele Menschen begeistert und dazu bringt, ihrer Fankultur auch Ausdruck zu verleihen. Ob das immer so geschmackvoll und immer so intelligent ist, ist eine andere Frage. Aber bei all diesem Kommerz, den wir haben, und ich bin ja auch gar nicht gegen Kommerz, ich will nicht, dass wir in Baumwolltrikots und mit Schweinsblasen spielen, braucht diese Kultur einen nichtkommerziellen Kern. Also etwas, auf das du dich besinnen kannst, ohne dass es sofort verwertet wird.

Der 1. FC Magdeburg hat es in den vergangenen drei Jahren immer wieder ins 11-Freunde-Magazin geschafft. Warum?

Mich begeistert der FCM so sehr, weil bei ihm vieles zusammenkommt, was ich auch mag: eine lebendige Fußballkultur, die in die Stadt hineinwirkt. Und ich finde es großartig, dass man sich noch auf die Legenden beruft. Gerade auf diese 74er Truppe. Diese ganz vielen kleinen Geschichten drumherum sind super. Die von den weißen Bademänteln zum Beispiel, die sie zurückgeben mussten. Da hielt sich ja lange der Mythos, dass das Malimo-Bademäntel aus Limbach-Oberfrohna wären. Stimmte aber nicht. In Holland werden den Siegern ganz traditionell immer Bademäntel übergestreift. Das fanden wir also ganz schön, dass wir da mit einem Mythos aufräumen konnten.

Außerdem muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich viele Leute, die gerade in der Führung des FCM arbeiten echt super finde, bis hin zu Maik Franz, den ich ja schon ein bisschen besser kenne. Das ist eine sportliche Leitung, die funktioniert. Das ist eine Mannschaft, die funktioniert. Und vor allem eine Stadt, die den Verein mit Begeisterung lebt. Du kannst die besten Spieler und die beste Führung haben und am Ende doch feststellen, dass alles Quatsch ist, weil es niemanden interessiert. In Magdeburg ist das anders.

Ich war vor fünf, sechs Jahren noch einmal in Magdeburg für eine Geschichte über die Helden von 1974. Da habe ich auch das Archiv des Klubs gesehen. Das waren fünf, sechs große Kisten, in denen alles drin steckte, alles unsortiert. Da habe ich mir schon so gedacht, wie viel Kraft doch in diesem Verein schlummert und es nur einen Weckruf braucht. Den hat es dann gegeben.

Die FCM-Fans bezeichnen sich als "Die Größten der Welt". Was halten Sie von diesem Selbstverständnis?

Es ist ja jeder Fankurve – ob nun der in Bielefeld, Bochum oder Magdeburg – eigen, dass sie sich selber für total großartig hält. Da muss viel Selbstironie dabei sein, gerade wenn du nicht in der größten Stadt wohnst. Aber die Magdeburger Fanszene hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, um vorne mit dabei zu sein. In diesen Massen zu den Auswärtsspielen, selbst zu Freundschaftsspielen nach England zu fahren, kreativ zu sein mit tollen Sprechchören und Transparenten – das musst du erstmal machen. Das hängt am Engagement. Und ich habe besonders für solche Klubs, bei denen du das Gefühl hast, da passiert wahnsinnig viel aus Engagement von Anhängern, Funktionären und Ehrenatmlichen allergrößten Respekt. Also: Vielleicht sind die FCM-Fans nicht die Größten der Welt, aber vorne mit dabei.

Der 1. FC Magdeburg muss jetzt nach dem Aufstieg aufpassen, dass er sich das behält, was ihn ausmacht: die Nähe zu den Anhängern, die lebendige Fankultur, die einen direkten Draht zum Verein hat.

Der FCM spielt Arbeiterfußball in einer Arbeiterstadt. Passt das ins moderne Fußballgeschäft?

Ich glaube, der 1. FC Magdeburg muss jetzt nach dem Aufstieg aufpassen, dass er sich das behält, was ihn ausmacht: die Nähe zu den Anhängern, die lebendige Fankultur, die einen direkten Draht zum Verein hat. Ich glaube auch, dass es einen typischen Magdeburger Fußball gibt, der eher gearbeitet wird, als dass er besonders glänzt. Wenn man jetzt anfängt, durchzudrehen und Leute zu kaufen, die sich mit diesem Konzept nicht mehr identifizieren, auch mit dem Konzept der kleinen Schritte, wird es schwierig. In den vergangenen Jahren hattest du immer das Gefühl, dass da beim FCM niemand größenwahnsinnig geworden ist.

Woran machen Sie das fest?

Wenn ich Maik Franz zum Beispiel gesagt habe, dass sie doch jetzt aufsteigen, dass war schon in der vergangenen Saison, dann hat er immer abgewiegelt und gesagt, dass sie noch nicht so weit sind. Wenn es gelingt, diesen Realismus beizubehalten und gleichzeitig noch ein paar kommerzielle Zumutungen – Stichwort Montagsspiele, Stichwort Fernsehpräsenz – hinzunehmen, dann kann das funktionieren.

Wenn Sie die Wahl hätten: Wer soll in fünf Jahren die Champions League gewinnen – RB Leipzig oder der 1. FC Magdeburg?

Fiese Frage. Ich würde das jedem anderen Klub, sogar dem SV Sandhausen oder der TSG Hoffenheim eher wünschen als RB. Aber wenn es der 1. FC Magdeburg schaffen würde und sich danach wieder weiße Bademäntel überstreifen würde, dann wäre das natürlich ein besonderes Fußballfest für Nostalgiker.

Quelle https://www.mdr.de/...er100.html



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Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, das letzte Mal am 28.04.2018, 17:17 von Wadenbeisser.