Komplettes Thema anzeigen 28.04.2018, 17:15
Dabei seit: 17.09.2015
Wohnort: zu Hause/Block7


Betreff: Re: Dies, Das, Jenes aus Presse, Funk & TV in der Saison 2018/19 - Liga 2
Zitat:
Marius Sowislo ZUSAMMENHALT

Der Charakter eines Fußballers offenbart sich in den schweren Zeiten. Wer spielt, ist zufrieden. Der Kapitän als Aushängeschild des Erfolgs sowieso. Doch was tun, wenn andere deinen Platz einnehmen und du nur noch zuschauen kannst? Wie verhältst du dich dann?

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT


Zitat:

Bildrechte: MDR/Max Schörm

Heinrich Sowislo spürte, dass sein Sohn drauf und dran war, den größten Fehler seiner Karriere zu begehen. Dieses Zögern, etwas stimmte nicht. Ungern mischte er sich in die beruflichen Belange seines längst erwachsenen Sprösslings ein. Doch an dieser Stelle im Sommer 2012 musste es sein.

"Junge, das ist eine richtig große Chance für dich", sagte er über das Vertragsangebot des 1. FC Magdeburg. "Wenn du sie jetzt nicht nutzt, wirst du es irgendwann bitter bereuen." Marius Sowislo, der Sohn, sagt: "Wenn ich an seine Sätze damals zurückdenke, bekomme ich noch immer Gänsehaut."

Dem Rat eines Vaters wohnt eine besondere Bedeutung inne. Er hat die Macht, den Lebensweg des Sohnes ganz entscheidend zu beeinflussen. Hätte Heinrich Sowislo sich damals nicht für einen Wechsel nach Magdeburg ausgesprochen, würde Marius Sowislo jetzt, sechs Jahre später, hier nicht sitzen. Hier im Osten, in Sachsen-Anhalt, in seiner Stadt. "Magdeburg und der FCM", sagt er, "haben mein Leben verändert."
Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

Es ist ein stürmischer Tag im März, vor dem Bürogebäude weht eine meterhohe Fahne des 1. FC Magdeburg im Wind. Im Erdgeschoss werden die Belange des offiziellen FCM-Fanshops geregelt. Zwei Etagen weiter oben sitzt Marius Sowislo an seinem langen, weißen, modernen Schreibtisch. Der 35-Jährige ist nicht nur Fußballprofi, sondern auch Unternehmer. Sein 2014 gegründetes Sportlernetzwerk "SamForCity" verbindet Profisportler und über einhundert Wirtschaftspartner aus der Region.

"Viele Leute denken, dass Leistungssportler den Popo gepudert bekommen und leben wie Gott in Frankreich, aber das stimmt nicht", sagt Sowislo. "Manche müssen von heute auf morgen in eine andere Stadt ziehen, sind dann dort wildfremd und müssen sich um alle möglichen Sachen kümmern. Wir unterstützen unsere Mitglieder bei solchen Herausforderungen, damit sie sich schnell wohlfühlen und ihre Leistungen bringen."

Wir wollen die Leute, die ihr Herzblut an uns verloren haben, träumen lassen. Wir wollen ihnen das geben, was sie am Wochenende von uns erwarten: erfolgreichen Fußball. Dazu gehört in Magdeburg aber mehr: Die Stadt ist klein, jeder kennt jeden. Wir werden von den Menschen angesprochen, ob beim Einkaufen im Supermarkt oder wenn wir mit der Familie unterwegs sind. Diese Gespräche sind ehrlich. Da ist nichts gespielt. Das zeichnet den Umgang aus.

Sowislo will Identifikation schaffen. Das Netzwerk verbindet Boxer, Leichtathleten, Handballer und Fußballer. "Als ich damals angefangen habe, war das gar nicht so einfach", erinnert sich Sowislo. "Da haben die Handballer gesagt, dass die Fußballer arrogant sind und du die gar nicht erst ansprechen brauchst und andersrum genau so." Mittlerweile unterstützen sie sich gegenseitig, besuchen die Partien des jeweils anderen. Sie alle stehen gemeinsam für Magdeburg. Marius Sowislo sagt: "Wir wollen mit unserem Netzwerk den Zusammenhalt in der Stadt fördern."

Zusammenhalt – dafür steht sein Wirken auch beim 1. FC Magdeburg. Marius Sowislo ist das Herz dieser Mannschaft, seit 2013 der Kapitän. Er hat mit dem FCM 2015 den Drittliga-Aufstieg gefeiert und während der vergangenen Jahre in Liga drei eine entscheidende Rolle gespielt – wenn auch zuletzt immer weniger auf dem Platz. Zu diesem Zeitpunkt im März hat Sowislo längst den Entschluss gefasst, seine Karriere nach der Saison zu beenden. Wenige Tage später geht er damit an die Öffentlichkeit.

Marius Sowislo war für den FCM immer mehr als nur ein 1,88 Meter großer Mittelfeldspieler mit langen Beinen und Spielübersicht. Ja, als solcher überzeugte Sowislo gerade in den ersten beiden Drittligajahren. Sieben Tore und fünf Vorlagen in 35 Partien der Debütsaison, sechs Tore sowie drei Vorlagen in 32 Partien der zweiten Spielzeit sprechen für sich – doch erzählen längst nicht die ganze Geschichte.


Marius Sowislo und Töchterchen Daria auf dem Rasen der MDCC-Arena Bildrechte: IMAGO

Der Charakter eines Fußballprofis offenbart sich nicht im Erfolg. Wer spielt, ist zufrieden. Wer als Kapitän das Aushängeschild darstellt, sowieso. Doch was tun, wenn du plötzlich keinen Stammplatz mehr hast? Wenn plötzlich andere deinen Platz einnehmen und du nur zuschauen kannst – wie verhältst du dich dann?

Marius Sowislo wusste, dass sich seine Spielzeit in der Saison 2017/2018 verringern würde. "Ich hatte ein sehr ehrliches Gespräch mit dem Trainer, indem er mir das mitgeteilt hat, aber auch gesagt hat, dass er mich als Persönlichkeit braucht", sagt der 35-Jährige. "Mir war vor Saisonbeginn bewusst, dass ich wahrscheinlich nicht mehr so viel Einsätze bekommen würde. Aber wenn du dann wirklich in diese Phase kommst, in der du nicht spielst, ist es nochmal etwas anderes – ein sehr unangenehmes Gefühl."

Der harte Kern der Fans hat uns immer unterstützt. Viele neue Anhänger, die früher schon zum FCM gehalten, diese Liebe aber irgendwann verloren haben, zeigen wieder Begeisterung. Sie fühlten sich in den vergangenen drei Jahren an alte Zeiten erinnert, dazu haben die Ost-Klassiker beigetragen. Die Fan-Szene ist gewachsen, der Zuschauerschnitt kontinuierlich gestiegen. Ein Wir-Gefühl ist entstanden. Wir haben uns Vertrauen erarbeitet.

Der Kapitän führte regelmäßig die Reservisten auf der Auswechselbank an und nicht die Startelf auf den Platz. Frustrierend für Sowislo, aber: "Mir blieb doch gar nichts anderes übrig, als mit positivem Beispiel voranzugehen. Ich kann von meinen Mitspielern nur das erwarten, was ich selber vorlebe. Auf mich schauen gerade die anderen Ersatzspieler doch noch viel mehr. Wie verhält sich der Kapitän? Motzt der rum? Kann ich mich da vielleicht anschließen? Können wir gemeinsam gegen den Trainer schießen? Wenn so eine Dynamik entsteht, wird es kritisch innerhalb eines Teams."

Doch Marius Sowislo und Jens Härtel – das passt. "Ich bin keine Wanze im Team, aber er weiß, dass er mir zu einhundert Prozent vertrauen kann", sagt der Kapitän über das Verhältnis zu seinem Trainer. Bei der Kommunikation ist Feingefühl gefragt. "Ich muss abwägen: Was muss der Trainer wissen? Was klären wir lieber in der Mannschaft?" Beide sprechen dieselbe Sprache. Das verdeutlicht Sowislo an einem Beispiel aus dem Innersten eines Fußballteams, der Kabine: "Vor den Spielen spricht meist erst Jens Härtel zur Mannschaft, danach bin ich dann dran. Da spricht er mir oft so aus der Seele, dass ich mir schnell noch andere Sätze überlegen muss, um die Jungs heiß zu machen. Das zeigt wunderbar, dass wir dieselbe Denkweise haben."
Wie hat sich Marius Sowislo verändert?

Marius Sowislo kann eine Mannschaft lesen wie kein Zweiter. Er hat im Laufe der Jahre den Umgang mit unterschiedlichen Spielertypen, unterschiedlichen Menschen gelernt. "Der eine will am liebsten jeden Tag diskutieren, andere haben da gar kein Interesse dran, die machen einfach nur. Du musst dir den Einzelnen immer anhören, aber gleichzeitig schauen, dass die Mannschaft als großes Ganzes zusammenbleibt", sagt Sowislo. "Eine der schwierigsten Aufgaben ist, die Leute bei Laune zu halten, die nicht zum Zug kommen."

Ein Beispiel ist Gerrit Müller. Der Mittelfeldmann kam 2016 mit großen Erwartungen zum FCM, doch spielte während der vergangenen zwei Spielzeiten keine Rolle. Genau so erging es dem als Königstransfer titulierten Andreas Ludwig in der vergangenen Saison. "Es war höchst professionell, wie sie sich verhalten haben", sagt Sowislo. "Sie hätten auch stänkern können in den Medien. Im Endeffekt geht es im Profifußball heutzutage ja doch auch um jeden Einzelnen. Sie müssen sehen, wie sie vorankommen, für sich und ihre Familien. Aber sie haben weiter hart trainiert und so die Intensität hochgehalten." Genau wie Sowislo, der sagt: "Ich bin hier in Magdeburg auch mental stark genug, um Rückschläge wegzustecken und voranzugehen." Trotz oder gerade wegen seines straffen Terminkalenders.

Die Mannschaft hat einen Charakter entwickelt, der uns erfolgreich macht: Wir sind Fußballer, die versuchen, den Verein auf dem Rasen nach vorne zu bringen. Genau so wie die Fans auf den Rängen. Wir haben keine Starallüren. Wir nehmen uns keine Sonderrechte heraus. Wir sind nicht besser und nicht schlechter als die Fans. Die Leute haben gemerkt, dass wir ein Teil von ihnen sind. Dass wir es geschafft haben, diese Einstellung früh in den Köpfen aller Spieler zu verankern, war entscheidend.

Auch an diesem Tag steht gleich das Training auf dem Programm, danach noch ein Termin mit einem Wirtschaftspartner, die Familie wartet am Abend dann schon auf den Papa. Seine Frau Julia stand bei der Aufstiegsfeier 2015 hochschwanger neben ihm auf dem Rathausbalkon, wenig später wurde Tochter Daria geboren. Ihre ersten Lebensjahre, sein wachsendes Sportlernetzwerk, die Aufgaben als Kapitän des 1. FC Magdeburg – woher nimmt Marius Sowislo seine Energie?

"Es gibt kein schöneres Gefühl, als wenn die Sachen, die du machst, dich erfüllen", sagt der 35-Jährige. "Ich hole mir die Kraft von den einzelnen Bereichen. Was machst du als Profifußballer nach Niederlagen? Du grübelst, du siehst alles negativ. Aber dafür habe ich gar keine Zeit. Ich ziehe positive Energie aus meiner Familie oder dem Unternehmen und trage das dann wieder in die Mannschaft hinein."

Kraft geben dem Team auch seine Fans. Die Unterstützung für den FCM ist beispiellos. Die Anhänger sorgten in den vergangenen drei Jahren immer wieder für Positivschlagzeilen – in Sachsen-Anhalt, in Deutschland, in Europa.

Der FCM ist etwas Besonderes, nicht nur in Deutschland, sondern über die Grenzen hinaus. Wir alle wollen den Verein in Glanz erstrahlen lassen. Die Marke steht über allem. Die Menschen leben für den Verein und würden alles für ihn geben. Wir sind ein Teil davon und konnten in dieser Stadt etwas bewegen. Dafür bin ich Fußball-Profi geworden, um so einen Zusammenhalt zu erleben. Das kann uns keiner mehr nehmen.

Marius Sowislo war 29 Jahre alt, als er sich für einen Wechsel zum 1. FC Magdeburg entschied. Der Deutsch-Pole hatte in Bochum, seiner Heimat, "eigentlich alles, um glücklich zu sein". Er kickte bei den Sportfreunden Siegen und fühlte sich wohl im Kreise seiner Freunde und Familie.

Deshalb zögerte er, als das Angebot des FCM kam. Deshalb musste Vater Heinrich, der als Handballer früher oft im Osten unterwegs gewesen war, ein flammendes Plädoyer für einen Wechsel halten. "Zum Glück", sagt Marius Sowislo heute, "habe ich damals auf ihn gehört." Es hat sein Leben verändert.

Quelle https://www.mdr.de/...lt100.html


zuschauen