Komplettes Thema anzeigen 24.08.2018, 20:23
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Betreff: Re: Der 1. FC Magdeburg & die Öffentlichkeitsarbeit
ich packs mal hier rein

Auswärtsfans beim FCM Der schwierige Weg in den Gästeblock

Einschätzung von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Zitat:
Bei den vergangenen drei Heimspielen des 1. FC Magdeburg hatten Fans der Gastvereine Probleme ins Stadion zu kommen. Die Ursachen waren sehr verschieden. Trotzdem deuten sie auf ein strukturelles Problem hin.


Der Einsatz beim FCM-Spiel gegen Dynamo Dresden war bisher der schwierigste am Gästeblock. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

Magdeburg im Wandel. Eine Stadt putzt sich heraus. Die angehende Kulturhauptstadt Europas 2025. So hört und liest man es überall. Eine Gruppe von Besuchern bekommt von all den schönen Dingen, die Magdeburg zu bieten hat, jedoch überhaupt nichts mit: Auswärtige Fußballfans, die ihren Verein bei Spielen gegen den 1. FC Magdeburg unterstützen wollen. Wenn sie mit Autos oder Bussen anreisen, werden sie häufig in Schönebeck von der Autobahn abgeleitet. Dann geht es in einer Kleckertour über Gommern, Königsborn und den Magdeburger Osten Richtung Gästeblock. Kommen die Fans mit dem Zug an, müssen sie am Bahnhof Herrenkrug am Stadtrand aussteigen. Von dort folgt ein etwa einstündiger Fußmarsch durch weitgehend unbewohntes Gebiet zum Stadion. Versorgungsmöglichkeiten unterwegs gibt es nicht.

An der Arena angekommen wartet auf die Fans eine Vorkontrolle, bevor sie überhaupt in den Außenbereich des Stadions dürfen. Weil Auto- und Zugfahrer diese Stelle oft zeitgleich erreichen, entsteht ein dichtes Gedränge. Und da die Leute von der umständlichen Anreise ohnehin schon genervt sind, ist Ärger eigentlich vorprogrammiert. "Es entsteht eine Trichterwirkung" beschreibt Christian Oberthür von der Fanhilfe Magdeburg die Situation. "Das Problem ist an dieser Stelle hausgemacht." Denn die Kontrollen sind vergleichsweise umfangreich. Die Zuschauer werden nervös, weil sie befürchten, das Spiel zu verpassen. Deswegen wird gedrängelt und geschoben. Eine große Polizeipräsenz und die oft bereitstehenden Wasserwerfer schaffen zudem ein Szenario, das von vielen als Bedrohung wahrgenommen wird.
Immer Ärger mit den Gästen

In den vergangenen Jahren war diese Gemengelage nur selten ein Problem – weil die meisten Gastvereine nur maximal wenige hundert Anhänger mitgebracht haben. Bei größeren Fanszenen wurde es dagegen schon öfter kritisch. Viele befürchten nun, dass die Zustände Alltag werden, wenn in der 2. Liga regelmäßig große Fangruppen in Magdeburg aufschlagen. Und als wolle jemand diese Bedenken bestätigen, gab es bei allen Heimspielen seit dem FCM-Aufstieg am 21. April Probleme. Wobei die Ursachen dafür jeweils sehr verschieden waren.

Den Auftakt machte – noch in der vergangenen Saison – Chemnitz. Teile der sächsischen Fans erreichten Magdeburg sehr spät. An der Vorkontrolle kam es zu einer Auseinandersetzung. "Eine Schubserei an dieser Vorkontrolle veranlasste die Staatsmacht und den Heimverein alle bis dahin noch nicht im Stadion befindlichen Fans von dem Spiel auszusperren, nachdem man vorher großflächig Pfeffer und Hiebe verteilt hatte" heißt es in einer Erklärung der Ultras Chemnitz. "Zusätzlich durfte man die 90 Minuten in praller Hitze eingekesselt und von Wasserwerfern bedroht auf einem Fußballplatz unlängst des Gästeeingangs verbringen." Etwa 350 Fans sollen davon betroffen gewesen sein. Der 1. FC Magdeburg erklärte, dass das Hausverbot "nach massiven Übergriffen auf den Ordnungsdienst und Sachbeschädigungen" ausgesprochen worden sei.
Fans des Chemnitzer FC im fast leeren Gäste - Fanblock


Gegen Chemnitz kamen viele Gästefans nicht ins Stadion. Bildrechte: IMAGO

Brückenwanderung sorgt für Verkehrschaos

Sein erstes Zweitligaspiel bestritt der FCM Anfang August gegen Sankt Pauli. Hier begannen die Probleme schon lange vor dem Stadion. Statt am Herrenkrug-Bahnhof stiegen Gästefans in Magdeburg-Neustadt aus. Anschließend mussten sie über den Nordbrückenzug eskortiert werden. Weil die FCM-Fans zeitgleich einen Fanmarsch auf der Strombrücke absolvierten, waren plötzlich alle Magdeburger Autobrücken dicht. Es folgte ein Verkehrschaos.

Bei der Abreise der Hamburger gab es wieder Verzögerungen. Den eigentlich geplanten Zug Richtung Heimat verpassten die Sankt-Pauli-Fans aufgrund von Polizeimaßnahmen. Stattdessen waren sie plötzlich auf dem Weg zum Hauptbahnhof – der zu diesem Zeitpunkt voll mit FCM-Fans war. So rückten eilig mehrere Hundertschaften an, dazu schwebte ein Helikopter über dem Bahnhof. Scheinbar unkoordiniertes Hin- und Her-Gerenne der Polizei ließ unbeteiligte Beobachter dort verwundert zurück und warf ein denkbar schlechtes Licht auf die Einsatzplanung. Selbst der Pressesprecher der Polizeidirektion Nord in Magdeburg, Frank Küssner, gibt zu: "An dem Tag ist bei der Vorbereitung und der Durchführung des Einsatzes viel schief gelaufen." Näher ins Detail gehen will er nicht.
Polizei-Hundertschaft


Beim Polizei-Einsatz gegen Sankt Pauli ging viel schief. Bildrechte: MDR/Hanns-Georg Unger

Scharfe Kritik aus Darmstadt

Der vorerst letzte Vorfall sorgte dann sogar bundesweit für Aufsehen. Im DFB-Pokal traf der FCM vor gut einer Woche auf Darmstadt 98. Mehrere Fanbusse der Hessen durften nicht auf den Gästeparkplatz. Stattdessen ist es in Magdeburg üblich, dass die Mitreisenden die Busse vorher verlassen und den restlichen Weg zu Fuß zurücklegen. Nach dem Aussteigen seien die Fans von verschiedenen Polizistenmehrfach in verschiedene Richtungen geschickt worden, heißt es in mehreren Berichten, unter anderem von der "Lilien-Fanhilfe". Anschließend soll es zu einem überharten Polizeieinsatz gekommen sein. Verantwortlich dafür war eine Beweis- und Festnahmeeinheit aus Thüringen. Ohne erkennbaren Grund seien Fans von Polizisten bedrängt, geschubst und beleidigt worden. Ein Teil der Polizisten sei dann in die Gruppe der Darmstadt-Fans gestürmt und hätte wahllos um sich geschlagen, hieß es weiter. Insgesamt neun Personen wurden verletzt. Der SV Darmstadt 98 kritisierte die Vorfälle scharf und forderte Aufklärung.

Warum kam eine Polizei-Einheit aus Thüringen zum Einsatz?
Bei Fußballspielen und anderen Großveranstaltungen ist es üblich, dass die Polizei von Einheiten aus anderen Bundesländern unterstützt wird. Sachsen-Anhalts Polizei hatte an dem Wochenende aufgrund mehrerer Veranstaltungen nicht genug Kapazitäten, um das Spiel alleine abzusichern. "Wir fordern die Unterstützung an. Woher sie dann kommt, können wir nicht beeinflussen", sagt Sprecher Frank Küssner. Die Einheiten werden dann am Spieltag vom Einsatzleiter, der in jedem Fall ein Magdeburger Polizist ist, koordiniert. Am Gästeblock kam ausschließlich die Thüringer BFE-Einheit zum Eisnatz.

Fragt man die Polizei, hört man das Gegenteil. So hätten die Darmstädter Fans einen Weg blockiert. Deshalb habe eine Gefahrensituation bestanden und die Fans seien weggedrängt worden. Daraufhin sei es zu Angriffen aus den Reihen der Fans gekommen. Zwei Polizisten sollen dabei verletzt worden sein. Dass es widersprüchliche Ansagen der Polizisten gegeben haben soll, verwundert Pressesprecher Frank Küssner. "Denn eigentlich ist klar, dass die Fans den Trampelpfad neben der Straße benutzen sollen." Polizisten aus Sachsen-Anhalt waren an der Stelle jedoch nicht im Einsatz, genauso wenig wie Kontaktbeamte. Diese agieren in der Regel ohne Helm und sind durch ein Leibchen als Ansprechpartner erkennbar. Bei derartigen Einsätzen sind sie eigentlich Standard.
Fans des SV Darmstadt 98


Die Darmstadt-fans verzichteten auf aktive Unterstützung ihrer Mannschaft. Bildrechte: imago/Jan Hübner

Politisches Nachspiel

Die Situation wird noch brisanter, wenn man weiß, dass es eine Vorgeschichte zwischen den Lilien-Fans und eben jener Polizeieinheit gibt. Bei einem Spiel in Erfurt kam es 2011 zu einer Auseinandersetzung zwischen Darmstädtern und Polizei. Dabei wurden auf beiden Seiten insgesamt fast 50 Personen verletzt – hauptsächlich durch Pfefferspray. Einige Polizisten sollen auf unfreundliche Weise auf die Situation damals Bezug genommen haben, berichten Darmstädter. Belegen lässt sich das nicht. Da es keine unbeteiligten Beobachter gab, ist es für Außenstehende nahezu unmöglich zu beurteilen, wer in diesem Fall die Wahrheit spricht. Womöglich werden sich Gerichte irgendwann damit auseinandersetzen, sicher ist das aber nicht.

Neben den Darmstadt-Fans sind jedoch auch die Anhänger des 1. FC Magdeburg empört. Mittlerweile schlagen die Ereignisse vom Freitagabend sogar politisch Wellen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ließ sich bei Twitter auf eine Diskussion mit einem Fan ein. Wobei er die Problematik im Raum stehender Polizeigewalt nicht so recht anerkennen wollte. Stattdessen warf er die eher grundsätzliche Frage auf, warum Fußballspiele von Polizeigroßaufgeboten begleitet werden müssen.
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Sachsen-Anhalts Landtagsabgeordneter Sebastian Striegel (Grüne) bat nach eigener Aussage das Innenministerium um weitere Informationen. Und die Landtagsabgeordnete Eva von Angern (Die Linke) reichte gleich einen ganzen Schwung Kleiner Anfragen an die Landesregierung ein. Diese sollen die Polizeieinsätze rund um die Fußballspiele des 1. FC Magdeburg betrachten und möglichst zu Verbesserungen führen, erklärte ihr Sprecher Dennis Jannack.
Offensichtliche strukturelle Mängel

Auch wenn die Frist zur Beantwortung der Anfragen erst in vier Wochen abläuft, steht schon jetzt fest, dass es rund um die Organisation der Spiele in Magdeburg einige strukturelle Mängel gibt. Das zeigen die genannten Beispiele deutlich. Hauptkritikpunkte sind:

umständliche An- und Abreise der Gästefans
fehlende Versorgungsmöglichkeiten zwischen Bahnhof und Stadion
Abwicklung der Vorkontrollen
Kommunikationmängel bei Polizei-Einsätzen sowie fehlende Erläuterungen zum Hintergrund einzelner Maßnahmen

FCM-Fans und die Fanhilfe Magdeburg haben sich auf die Fahnen geschrieben, diese Zustände zu ändern. Dabei bekommt sie Unterstützung vom 1. FC Magdeburg, der in der Vergangenheit nicht immer mit Gästefreundlichkeit glänzte. Einmal jährlich veranstaltet der Verein einen Fankongress. Dabei stand das Thema Gästefans zuletzt zwei Mal weit oben auf der Tagesordnung. In der Folge wurden Mitglieder der Fanhilfe mit Arbeitskarten für den Gästebereich ausgestattet. So können sie als unbeteiligte Instanz die Abläufe hinter dem Stadion beobachten, Verein und Öffentlichkeit berichtenerstatten und auch Verbesserungen vorschlagen. Die Wirkungsmacht des FCM endet jedoch am Übergang zum Gästeparkplatz und damit auch die Arbeitskarte. Vorfälle wie beim Darmstadtspiel lassen sich deshalb auch künftig nicht ausschließen.
Keine Verbesserung in Sicht

Eine wirkliche Verbesserung wäre der Einsatz von Shuttle-Bussen vom Herrenkrug-Bahnhof. Da sind sich Polizei, FCM und Fans weitgehend einig. Bisher konnte dafür aber keine Lösung mit der Stadt Magdeburg und den Magdeburger Verkehrsbetrieben gefunden werden. Auch eine Verschiebung der Vorkontrollen wurde diskutiert. So erklärt Christian Oberthür von der Fanhilfe: "Wenn die Vorkontrolle näher am Stadion stattfindet, sehen die Fans, dass sie danach zügig auf die Tribüne kommen. Das würde die Situation entspannen und Gedrängel wahrscheinlich vermeiden." Dem Vernehmen nach könnte sich der FCM mit dieser Idee anfreunden, die Polizei lehnte sie dagegen ab.

Wirkliche Verbesserungen für Gästefans in Magdeburg wird es deshalb in naher Zukunft wohl nicht geben. Daran werden auch kritische Anfragen an die Landesregierung wahrscheinlich nichts ändern. Der Weg in den Gästeblock des Magdeburger Stadions, er bleibt ein schwieriger. Doch vielleicht können bessere Kommunikation der Polizei, ein klares Einsatzkonzept und etwas mehr gegenseitige Rücksichtnahme dafür sorgen, dass dieser Weg entspannter zu gehen ist. Damit die Gäste irgendwann dazu kommen, ihren Aufenthalt in Magdeburg auch zu genießen.



Zitat:

Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor
Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen - und noch lange nicht genug davon.


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