Komplettes Thema anzeigen 21.05.2019, 19:58
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Betreff: Re: Institution Block U




FCM-Ultras im Interview "Der Abstieg ist mir scheißegal"

Noch nie haben führende Personen der aktiven Fan-Szene des 1. FC Magdeburg ein ausführliches Interview gegeben – bis jetzt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT gewähren zwei Männer Einblicke in ihr Leben als Ultra im "Block U".
von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Auf dieser Seite:

Das Leben eines Vorsängers
Ultras und die Öffentlichkeit
Das Verhältnis zum Verein
Der Wunsch nach kritischen Fußballfans

Zitat:

Im "Block U" steht die aktive Fan-Szene des FCM. "Rotin" und "Atzi" gehören der "Blue Generation", einem der führenden Fan-Clubs an. Bildrechte: imago/Contrast

Der Ort für die Unterhaltung ist so klar wie unkompliziert: die Wiese vor dem Heinz-Krügel-Stadion, ihrem Fußballtempel, ihrer Heimat. Die beiden Männer stellen sich als "Rotin" und "Atzi" vor: "Das sind unsere Spitznamen, so kennen uns in der Fan-Szene alle." Ihre richtigen Namen bleiben im Verborgenen. Sie bestehen auf das Duzen. Denn: "Siezen würde einfach Null zu einem Interview mit Fußballfans passen."

Ultras reden nicht mit Medien. Noch nie haben führende Personen der aktiven Fan-Szene des 1. FC Magdeburg ein ausführliches Interview gegeben – bis jetzt. "Rotin", der seit fast 20 Jahren zur Szene gehört, und "Atzi", einer der Vorsänger beim FCM, nehmen sich vor dem letzten Saisonspiel gegen den 1. FC Köln für das Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT fast eine Stunde Zeit.

Der 1. FC Magdeburg hat sich nach nur einem Jahr wieder aus der zweiten Bundesliga verabschiedet. Wie traurig seid Ihr darüber?

Atzi: Ganz ehrlich? Der Abstieg ist mir scheißegal. Natürlich ist es für den Verein besser, wenn es sportlich gut läuft. Aber die zweite Liga war nur ein Zubrot. Der Aufstieg 2015 in die dritte Liga, das war die große Erlösung. An die kommt der Zweitliga-Aufstieg letztes Jahr nicht heran. Wie die Leute sich damals in Offenbach in den Armen gelegen haben, unvergesslich. Das war unsere Saison. Das war unser Jahr. Das war unser Aufstieg.

Rotin: Stimmt, das war der Knackpunkt. Danach gab es einen Ruck in der Fan-Szene. Mit der Rückkehr in die dritte Liga geht die Welt für uns jetzt nicht unter. Wichtig ist nur, dass wir nicht in die Viertklassigkeit durchgereicht werden. Wir kannten das früher nicht anders, aber dahin wollen wir nie wieder zurück. Das würde richtig schmerzen.

Wie war das damals?

Rotin: Sagen wir so: Wenn mir vor zehn Jahren jemand erzählt hätte, dass wir irgendwann mal in einem Block stehen, in dem 5.000 Leute gleichzeitig die Arme hochnehmen, rhythmisch klatschen und im Akkord irgendwelche Lieder singen, hätte ich ihm nicht geglaubt. Jetzt ist es Realität.

Atzi: Ich habe in dieser Saison für mich im Kopf oft darauf zurückgeblickt, wo wir hergekommen sind. Ich habe gegen Cottbus II oder gegen Hertha II mit 200 Leuten im Gästeblock gestanden und war stolz auf den Verein. Klar haben wir da auch mal nicht so viel Stimmung gemacht. Aber ich habe Rotin und andere gesehen und wusste: Das ist unser Verein, mit dem fahren wir überall hin. Das haben wir uns so ausgesucht. Das wollten wir so – und jetzt ziehen wir das durch.
Das Leben eines Vorsängers

Die Heimat der Vorsänger: das Podest. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Wie bist Du zum Vorsänger geworden?

Atzi: Ich habe die Aufgabe nach über zehn Jahren in der Kurve übernommen. Einer der damaligen Vorsänger hatte aufgehört und deshalb habe ich mich bereit erklärt, das zu machen. Dann bin ich da reingewachsen.

Welche Rolle spielen die Vorsänger?

Atzi: Insgesamt sind wir vier Vorsänger. Nico ist sicherlich der Vorsänger, an dem sich die meisten Clubfans im Stadion und während des Spiels orientieren. In vielen anderen Situationen übernehmen aber nicht nur die Vorsänger Verantwortung oder sind Ansprechpartner, sondern eben auch andere gestandene Leute aus der Fan-Szene.

Rotin: Gerade Nico schafft es immer wieder, die richtigen Worte in den richtigen Momenten zu finden. Aber wir wollen keinen Personenkult wie bei anderen Ost-Klubs wie Dresden. Deshalb ist das auch auf mehrere Schultern verteilt. Es muss egal sein, wer da oben steht: Jeder im Block U muss den Anspruch haben, 90 Minuten alles zu geben.

Atzi, was ist das für ein Gefühl, auf dem Vorsänger-Podest zu stehen, wenn 10.000 Augen auf einen gerichtet sind? Und man für Stimmung sorgen muss, auch wenn es auf dem Rasen, wie so oft in dieser Saison, schlecht läuft?

Atzi: Da ist der Druck groß, klar. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Spiel in Paderborn (4:4, Anm. d. Red.) in dieser Saison. Das war ein Auf und Ab. Die ersten Minuten war richtig Feuer drin bei der Mannschaft, dann liegst du aber auf einmal zurück und da wusste ich im ersten Moment nicht weiter. Aber dann fiel mir ein Lied ein, das wir zu dunkelsten Viertliga-Zeiten gesungen haben: "Die Tage ziehen ins Land." Und das hat die Leute dann unheimlich gepusht.

Wir haben das im Block in dieser Saison generell echt gut gemeistert, obwohl es unten auf dem Rasen oft nicht gut lief. Bestes Beispiel war da unser Auswärtsspiel in Köln. Da haben wir deutlich mit 0:3 verloren. Aber die Fan-Szene hatte Bock, den Verein und die Region hochleben zu lassen. Es war uns egal, ob wir das Spiel verlieren: Wir standen da für unsere Farben und unseren Verein.

Rotin: Klar interessieren wir uns für das Fußballspiel. Aber an Tagen, wo es die Mannschaft sportlich nicht schafft, haben wir trotzdem immer die Aufgabe, den Verein bestmöglich zu repräsentieren. Das lässt sich schwer beschreiben. Du stehst halt einfach da und denkst: Jetzt erst Recht! Das ist ein innerer Antrieb. Das steckt in uns allen drin.

Seit wann gehst Du zum FCM?

Rotin: Ich habe 1999 als Schüler eine Freikarte bekommen und bin dann dabei geblieben. 2001 bin ich dann in die Blue Generation eingetreten, die ein Jahr zuvor gegründet worden war. Da ist ein riesen Freundeskreis entstanden. Es gibt nicht den einen Punkt, an dem du sagst: Jetzt bin ich Ultra! Du wächst da einfach rein. Und wenn ich sehe, was sich hier in den letzten 15 Jahren entwickelt hat, macht mich das stolz.

Warum hast Du diese Form des Fan-Seins für sich gewählt?

Rotin: Das ist mein Lebensinhalt. Ich kann nicht ohne den FCM. Natürlich hast du immer mal wieder eine Zeit, wo die Motivation etwas nachlässt. Aber es geht einfach nicht ohne. Wenn der Spieltag vorbei ist, gehst du am Montag zwar wieder auf Arbeit, aber du bist in Gedanken immer noch beim Club. Wir treffen uns regelmäßig, planen unsere Aktionen wie zum Beispiel Choreografien weit im Voraus. Das ist neben dem normalen Job nochmal ein Fulltime-Job obendrauf.

Atzi: Ich fahre zum FCM, weil ich den Verein liebe und meine Freunde hier sind. Es ist einfach mehr, als nur am Wochenende zum Spiel zu fahren. Für viele ist das schwer nachzuvollziehen. Gerade auch für die Eltern, gerade, wenn es um Grenzüberschreitungen geht – egal, in welche Richtung. Aber die Entwicklung, die ich persönlich als Mensch genommen habe, hätte ich niemals ohne Block U genommen. Vor allem die Menschen, die ich dadurch kennengelernt habe, möchte ich nicht missen.

Ich erinnere mich zum Beispiel immer noch gerne an die Arbeit an der Choreografie für ein Spiel gegen Lübeck. Die hatte drei große Bestandteile. Die haben wir in gerade mal 30 Stunden fertiggemacht, weil wir die Sporthalle nur so lange hatten. Das ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich an die Zeit im Block U habe.
Ultras und die Öffentlichkeit

Beim Auswärtsspiel in Berlin kam es zuletzt zu Tumulten im FCM-Block. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Nachdem der Abstieg feststand, gab es zuletzt während des Auswärtsspiels bei Union Berlin einige Tumulte im Gästeblock. Wie steht Ihr dazu?

Rotin: Wir müssen den jeweiligen Einzelfall immer kritisch betrachten. Wenn wie in diesem Fall von einer Szene Fan-Utensilien der anderen entwendet werden, drehen bei manchen die Sicherungen durch. Das wirst du nie verhindern können. Aber am Ende war es nicht viel mehr, als dass 50, 60 Leute gegen die Plexiglas-Scheibe gehämmert haben. Es gab keine Schlägerei im Block. Es gab keinen Platzsturm oder ähnliches. So etwas wird bei uns natürlich ausgewertet, aber nur intern. Es wird sich nie jemand hinstellen und jemanden nach außen denunzieren.

Warum reden Ultras nicht gern mit Medien?

Rotin: Es war immer verpönt, sich mit der Presse hinzusetzen. Und ein Stück weit ist es auch immer noch so. Aber wir müssen ganz ehrlich sagen: Öffentlichkeitsarbeit war in der Vergangenheit ein großes Manko von allen Fan-Szenen in Deutschland. Du willst dir als Fan-Szene deine Dinge bewahren, aber trotzdem ist es wichtig, sich zu bestimmten Dingen zu äußern oder etwas klarzustellen.

Atzi: Das ist auch viel Selbstschutz. Der ein oder andere ist vielleicht in einer beruflichen Situation, wo der Arbeitgeber das nicht so gerne sieht. Aber eigentlich ist es nichts Verwerfliches, was wir machen. Normalerweise müssten Arbeitgeber solche Leute wie uns mit Kusshand nehmen, wir können organisieren, haben uns viele Eigenschaften im Laufe der Jahre angeeignet, die auch für das Leben wichtig sind. Trotzdem würde nie einer von uns auf die Idee kommen, in eine Bewerbung zu schreiben: Ich bin Vorsänger im Block U.

Rotin: Was schade ist. Gerade weil wir immer auch Sozialarbeit machen im Block. Wenn ich sehe, wie viele junge Leute wir im Laufe der Jahre wirklich von der Straße geholt haben und was aus ihnen geworden ist, dann macht mich das stolz. Oder auch, wenn ich sehe, mit wie viel Weitblick alle führenden Vertreter der Fan-Szene zum Beispiel in Bochum agiert haben, ist das eine tolle Entwicklung. Denn wenn wir da nicht so besonnen reagiert hätten, hätte das auch in eine ganz andere Richtung laufen können.

Atzi: Die erste Frage, die ich mir immer stelle, die wir uns alle stellen, ist: Was ist das Beste für den Verein und was ist das Beste für Block U? Danach handeln wir.
Das Verhältnis zum Verein

Mit diesem Spruchband kritisierte die Fan-Szene im letzten Saisonspiel die sportliche Führung des FCM. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Wie hat sich die Fan-Szene durch das Jahr in der zweiten Bundesliga verändert?

Atzi: Wir haben Erfahrungen gewonnen, gerade in großen Spielen wie gegen Köln oder den HSV. Bereits in den vergangenen Jahren ist das Miteinander zwischen Verein und Fan-Szene intensiver geworden. Gerade mit Matze (Matthias Niedung, Anm. d. Red.) haben wir im Aufsichtsrat jemanden, der eine super Arbeit macht. Wenn es ein Problem gibt, wird nicht mehr sofort die Tür eingerannt, sondern wir versuchen, das konstruktiv zu lösen – zum Beispiel, was den Stadionumbau oder die Situation für Gästefans angeht.

Rotin: Die ein oder andere sportliche Entscheidung ist etwas rauer ausgefallen. Aber das ist heutzutage im Fußball so. Ich habe das Gefühl, dass die Uhren hier trotzdem immer noch anders ticken als in der Bundesliga. Bei anderen Vereinen wäre Jens Härtel schon nach drei, vier Spielen entlassen worden. Hier wurde länger gewartet. Auch wenn ich immer noch sage: Ich wäre liebend gerne mit dem Trainer abgestiegen. Ob das allerdings für den Verein langfristig gut gewesen wäre, ist die andere Frage.
Der Wunsch nach kritischen Fußballfans

So verliehen die FCM-Ultras ihrer Abneigung gegen Montagsspiele in dieser Saison Ausdruck. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Wie hat es Block U geschafft, Fans im gesamten Stadion in die Unterstützung des Teams mit einzubeziehen?

Atzi: Das war ein jahrelanger Prozess. Irgendwann haben wir damit angefangen, auch andere Blöcke mit einzubeziehen, zum Beispiel bei unserem Wechselgesang. Die haben dann einfach gemerkt, dass das geil ist und Spaß macht. Als ich noch kein Vorsänger war, stand ich mal neben jemandem im Block, der immer auch nach Osteuropa schaut und der gesagt hat: ‚Mensch, das ist ja hier wie bei Roter Stern Belgrad.‘ Da waren wir schon stolz.

Rotin: Diese Atmosphäre ist einmalig in Deutschland. Ich glaube, ein Großteil der Zuschauer geht bei uns auch nicht nur wegen dem Fußball ins Stadion, sondern wegen der wahnsinnig tollen Stimmung. Weil du eben nicht hingehst, um 90 Minuten auf deiner Sitzschale zu hocken, den Schiedsrichter anzupöbeln oder einen Spieler auszupfeifen, weil er einen Fehlpass gespielt hat. Die Leute sind einfach stolz, was im Stadion passiert. Aber ich erwarte von ihnen dann eben auch, dass sie Verständnis für unsere Aktionen zeigen und sich auch Gedanken über grundsätzliche Dinge machen.

Wie meinst Du das?

Atzi: Manchmal denken die Fans, dass wir in Block U die Animateure im Stadion sind. Unsere Protestaktion gegen Montagsspiele, wo wir zehn Minuten draußen geblieben sind, war für uns zum Beispiel ein Erfolg. Aber, was ich richtig schade fand: Die Gegengerade konnte sich nicht einfach mal daran beteiligen und auch ruhig sein in dieser Zeit. Sie hatten dann auch noch die Frechheit, herunter zu zählen, bis die Zirkusaffen vom Block U da sind. Ich weiß, sie meinten das vielleicht nicht so, aber ich habe es so empfunden. Sie haben Block U im Stich gelassen.

Auch andere Teile des Stadions sollten sich mit solchen Themen, die die Fans betreffen, mehr beschäftigen. Wir haben die Aktion ja auch für sie gemacht, damit sie nicht am Montagabend nach Großaspach fahren müssen oder sich für Mittwoch wieder einen Krankenschein holen müssen oder ihrer Frau schon wieder sagen müssen, dass sie unter der Woche zum Fußball fahren. Wir machen das für den Verein, für unsere Farben – und wir sind keine Klatschaffen.

Rotin: Der normale Fan geht eben zum Spiel, trinkt sein Bier, isst seine Bratwurst und geht dann wieder nach Hause. Das ist auch okay. Aber wir beschäftigen uns eben auch mehr mit dem Vereinsleben.

Wie lautet also Euer Wunsch?

Rotin: Wir sollten alle gemeinsam für Fan-Interessen einstehen. Bei Pyrotechnik ist das zum Beispiel ja auch schon der Fall. Oder gibt es ein anderes Stadion, wo die Zuschauer nach einer Pyro-Show applaudieren? In der Regel wird da gepfiffen. Wenn sich die Leute mit allen Themen so intensiv beschäftigen würden wie mit diesem, hätten wir viel erreicht.

Atzi: In Bochum fand ich das super: Die Fans, die schon im Stadion waren, haben gesagt: ‚Okay, wenn Block U nicht da ist, gibt es keine Stimmung.‘ Sie haben dann die Fahnen wieder abgenommen und gewartet, bis wir da waren. Hut ab! Das gibt einem ein Gefühl von Solidarität. Es soll ja gar kein Stadion voller Ultras geben, das wäre langweilig, aber kritische Fans wären gut.

Rotin: Wir sollten als Fan-Szene demütig sein. Wenn wir das Niveau halten, das wir seit dem Drittliga-Aufstieg haben, sind wir deutschlandweit auf einem sehr guten Niveau. Ich kann mich nicht erinnern, dass uns hier jemals einer an die Wand gesungen hat, höchstens an Duelle auf Augenhöhe mit Dresden oder Rostock. Aber was wollen wir denn noch? Sollen 25.000 Zuschauer das ganze Spiel über durchsingen? Dann verstehst du dein eigenes Wort nicht mehr.

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Über den Autor
Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.