Komplettes Thema anzeigen 04.08.2019, 20:32
Dabei seit: 17.09.2015
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Betreff: Re: Fanhilfe Magdeburg
ich haus mal hier mit rein

Zitat:
FCM-Fans mit Behinderung "Geh beiseite – ich will Fußball gucken!"

Das Miteinander von Behinderten und nichtbehinderten Menschen bringt Herausforderungen mit sich – auch beim Fußball, wo der Ton schon einmal rauer werden sein kann. Das ist die Geschichte von Gerald Altmann, dem Behindertenbeauftragten des 1. FC Magdeburg.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT
Zitat:

Gerald Altmann vor dem neuen Wohnwagen der Fanbetreuung des 1. FC Magdeburg Bildrechte: MDR/Daniel George

Gerald Altmann kennt die Sprüche. Er geht seit 1971 in Magdeburg zum Fußball – und hat sie schon alle gehört. "Steh gefälligst auf, wenn du mit mir redest", fordere ein Kumpel bei fast jedem Heimspiel von ihm. Ein anderer, der habe ihn schon mal als "einbeiniges Arschloch" bezeichnet. Ironisch gemeint. Natürlich. Flachserei unter Freunden. Altmann lacht. Der Behindertenbeauftragte des 1. FC Magdeburg sagt: "Da gibt's den Konter zurück und gut ist."

Der Ton kann ein rauer sein am Rande eines Fußballspiels. Das musste auch Sabine Metzing erfahren. Während des ersten Heimspiels der neuen Drittliga-Saison gegen Braunschweig wurde sie angepöbelt. Die Anhängerin des FCM brach sich vor einiger Zeit den Knöchel und läuft aktuell noch an Krücken. "Deswegen bin ich nicht ganz so schnell vorwärts gekommen", erinnert sie sich an den Weg in die MDCC-Arena. "Dann ist so ein Typ an mir vorbeigelaufen und hat gefragt, was ich im Stadion zu suchen habe. Und dann hat er mir auch noch den Stinkefinger gezeigt."
Gerald Altmann – das Sprachrohr der Rollstuhlfahrer

Das Miteinander von behinderten Menschen und Nichtbehinderten bringt Herausforderungen mit sich – auch beim Fußball, auch beim 1. FC Magdeburg. Kaum jemand weiß das so gut wie Gerald Altmann. Von 2009 bis 2017 arbeitete der 57-Jährige ehrenamtlich als Behindertenbeauftragter beim FCM, seit zwei Jahren ist er nun festangestellt.

Altmann erinnert sich noch genau daran, wie er zum "Sprachrohr der Rollstuhlfahrer" wurde. "Zufall", sagt er. Während beim FCM die MDCC-Arena gebaut wurde, zog das Team ins Heinrich-Germer-Stadion um. "Uns Rollifahrern wurde zuerst gesagt, dass wir uns hinter das Tor stellen sollen. Bernd Hofmann war damals Manager beim FCM und hat uns dann aber über einen Mitarbeiter ausrichten lassen, dass wir nicht ins Bild passen und uns hinter die Werbebanden zurückziehen sollen." Und alle anderen zogen sich auch zurück. Nur Altmann blieb. Er habe dem Mitarbeiter gesagt: "Gut, du hast es mir ausgerichtet – und jetzt geh beiseite, ich will Fußball gucken!" Die anderen Rollstuhlfahrer kehrten hinter das Tor zurück – und Altmann war fortan ihr Ansprechpartner.

Das ist bis heute so. Auch an diesem Mittwochabend Ende Juli. Gerald Altmann schüttelt unzählige Hände. Drei Stunden vor dem Anpfiff des Heimspiels gegen Waldhof Mannheim beginnt der Einsatz am Stadion für ihn und seine Frau Heike, die ihn bei der Fanbetreuung wie zahlreiche andere freiwillige Helfer unterstützt. "Damals, als er noch laufen konnte, habe ich ihn nach dem Fußball schon immer vom Bahnhof abgeholt", erzählt sie. "Irgendwann bin ich dann mitgegangen und war begeistert." 30 Jahre ist das jetzt her. Und seitdem sind die Altmanns immer überall dabei – ob auswärts oder daheim.


Nachträgliche Anmerkung des Autors:
Bildrechte: MDR/Daniel George

Sofort, als ich wieder rausgekommen bin, haben mich meine Kumpel angerufen und gefragt, ob sie mich zum FCM mitnehmen sollen.
Gerald Altmann, Behindertenbeauftragter des FCM, über die Zeit nach seinem Unfall vor 31 Jahre

Neues Zuhause für die Fanbetreuung

"Mensch, Gerald! Habt ihr ein neues Haus?", flachst ein Bekannter mit Fanschal und Trikot zur Begrüßung. "Na klar", entgegnet Altmann, "hier wohnen wir jetzt." Hier, damit ist der neue Wohnwagen der Fanbetreuung des 1. FC Magdeburg gemeint. Gesponsert wurde der vom Verein und feiert gegen Mannheim seine Premiere als Anlaufpunkt für die blau-weißen Anhänger. Heike Altmann verkauft dort Karten für das Landespokalspiel in Gerwisch. Ihr Mann ist derweil andauernd unterwegs. "Wenn ich Kilometergeld bekommen würde", scherzt Altmann, "würde ich so viel verdienen wie die Verantwortlichen oder Spieler."

Vorbereitung des Wohnwagens, Sicherheitsbesprechung vor dem Spiel, Updates währenddessen, Kontrolle der Situation für behinderte Fans im Gästebereich, Ticketübergabe, zwischendurch mit der großen Liebe auf dem Platz mitfiebern – Gerald Altmann und seine Helfer sind beschäftigt.

Und ihre Arbeit zahlt sich aus: Behinderte Menschen fühlen sich in der Regel gut aufgehoben beim FCM. Für sehbehinderte Fans bietet die Blindenreportage zum Beispiel einen festen Service, um das Spiel zu erleben. Der Behindertentag feierte im vergangenen Jahr seine zehnte Auflage. Mehr als 3.000 Fans mit Handicap wurden dazu eingeladen. Ein starkes Zeichen für Inklusion, das auch die Wirtschaftspartner und Fanclubs des Klubs unterstützen. "Wir wollen damit auch einfach mal Danke sagen", erklärt Gerald Altmann. Als die Idee zum Behindertag entstand, kamen etwa 20 Rollstuhlfahrer zu jedem Heimspiel – mittlerweile sind 64 Plätze vorhanden. Und: "Wir sind fast immer ausverkauft."

Natürlich: Kleine Probleme gibt es auch. Doch an denen wird gearbeitet. Vor den Plätzen für Rollstuhlfahrer unterhalb der Blöcke herrscht aktuell noch reger Zuschauerverkehr. Manche Fans holen sich während des Spiels ein Getränk und bleiben auf dem Weg zurück dann am Spielfeldrand stehen, falls auf dem Platz etwas passiert – und versperren damit den Rollstuhlfahrern die Sicht. "Im Zuge der Umbauarbeiten wird sich das aber ändern, unsere Plätze werden in den Innenraum verlagert", erzählt Altmann. Näher an den Rasen also, ohne Publikumsverkehr. "Ein bisschen so wie früher im alten Stadion auf der Aschebahn", sagt Altmann.


Nachträgliche Anmerkung des Autors:
FCM-Stadionerlebnis für Behinderte Fanradio lässt Blinde Fußball "sehen"

Für Blinde lohnt sich der Besuch eines Fußballstadions normalerweise kaum. Doch der 1. FC Magdeburg hat ein Angebot geschaffen, mit dem auch Sehbehinderte die Spiele des Drittligisten verfolgen können. MDR SACHSEN-ANHALT hat das Team vom Blindenradio und einen treuen Fan beim Spiel gegen Sonnenhof Großaspach begleitet.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

"Das hat mir keine Ruhe gelassen"

Sabine Metzing, die Frau mit den Krücken, teilte ihr Erlebnis in einer großen Facebook-Gruppe über den 1. FC Magdeburg – und erhielt fast ausschließlich Zuspruch. "Wenn es ein Spaß, ein lockerer Scherz gewesen wäre, wäre das was anderes gewesen, aber so hat es mir einfach keine Ruhe gelassen", sagt sie. Denn: "Warum sollten behinderte Menschen im Stadion nichts zu suchen haben? Das geht nicht. So etwas macht man nicht. Wir sind doch alle Clubfans. Und sonst haben wir da ja auch noch nie Probleme gehabt." Ein unschöner Einzelfall also, der jedoch sensibilisiert.

Behinderte Fans sind beim 1. FC Magdeburg willkommen – daran besteht kein Zweifel. Gerald Altmann ist das beste Beispiel: Die glorreichen Europapokal-Zeiten seines Klubs erlebte der 57-Jährige noch abseits des Rollstuhls. Nach einem Unfall verlor er vor 31 Jahren das rechte Bein, verbrachte ein dreiviertel Jahr im Krankenhaus. Doch: "Sofort, als ich wieder rausgekommen bin, haben mich meine Kumpel angerufen und gefragt, ob sie mich zum FCM mitnehmen sollen." Natürlich: sie sollten. "Einer hatte einen Trabi. Damit haben sie mich abgeholt. Und dann ging das einfach wieder weiter."



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